Ita Wegman und Elisabeth Vreede - Der Weg zur Rehabilitierung

Zur Generalversammlung 2018 wird ein Antrag zur Abstimmung kommen, der einen wunden Punkt in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft heilen soll: die Abberufung von Ita Wegman und Elisabeth Vreede als Vorstandsmitglieder 1935. Einige Stationen auf dem Weg von Rudolf Steiners Tod bis zur heutigen Zeit skizziert Justus Wittich.
Die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft nahm unmittelbar nach dem Tod Rudolf Steiners 1925 in den menschlichen Beziehungen tragische Züge an. Fast drei Generationen wurde darüber ein Mantel des Schweigens gelegt. Bei allen äußeren Erfolgen wie der Errichtung des Zweiten Goetheanum (1928), der Aufführung des gesamten ‹Faust›-Dramas (1938), künstlerischen Höhepunkten und steigenden Mitgliederzahlen war das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft im Inneren zerstritten, in Fraktionen auf­gespalten und von schweren Konflikten, Zerwürfnissen und rechtlichen Illusionen begleitet. Ein Wunder nahezu, dass trotz all dieser Schattenseiten durch die Be­mühungen derselben Menschen sich Anthroposophie verbreitet hat, in der Zi­vilisation wirksam wurde und die Anthroposophische Bewegung und Gesellschaft in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten langsam wieder zusammenzuwachsen scheint.

Sich steigernde Spannungen und Anfeindungen
Die während der Weihnachtstagung 1923/24 von Rudolf Steiner vorgeschlagene und von den Mitgliedern bestätigte Konstellation von Persönlichkeiten im Vorstand unter seinem Vorsitz (Albert Steffen, Marie Steiner, Elisabeth Vreede, Guenther Wachsmuth und Ita Wegman) war der neuen Situation ab April 1925 verständ­licherweise nicht gewachsen. Die ver­bliebenen Vorstandsmitglieder fanden keine Form der Zusammenarbeit und entwickelten völlig divergierende Bilder einer Fortführung des großen, von Rudolf Steiner hinterlassenen Werkes und der An­throposophischen Gesellschaft.
Die sich in der Folgezeit bis 1934/35 aufbauenden Spannungen, Anfeindungen und die dadurch mehr und mehr entstehenden Fraktionen und Gruppierungen lähmten die Wirksamkeit der Vorstands­arbeit. Es wurden die Initiativen und Handlungen von Elisabeth Vreede und Ita Wegman schon unmittelbar nach dem Tode Rudolf Steiners nicht oder als Opposition verstanden, beide mehr und mehr in Dornach isoliert und nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen.

Die Abberufung
Schließlich meinte man die verfahrene Situation und den Richtungsstreit nur noch durch eine Trennung und Abberu-fung ‹lösen› zu können. Dies geschah nach einem ersten, an formalen Fragen gescheiterten Versuch 1934 mit rechtlicher Wirksamkeit 1935. In der von 1 820 Mitgliedern im provisorisch fertiggestellten Zweiten Goetheanum besuchten Generalversammlung vom 14. März stellte eine Gruppe von Mitgliedern im Einklang mit den rest­lichen Vorstandsmitgliedern den Antrag auf Abberufung von Ita Wegman und Eli­sabeth Vreede von ihren Vorstandsämtern (und dadurch auch von den Leitungen ihrer Sektionen). Zuvor war in gleicher Stoßrichtung eine ‹Denkschrift› veröffentlicht und in der Mitgliedschaft verbreitet worden, die einen solchen Antrag plausibel machen sollte und als eine Kampfschrift zahlreiche Unwahrheiten und Diffamierungen enthielt. Weiterhin beantragten die Antragsteller den Ausschluss verschiedener führender Mitglieder aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland sowie den Ausschluss der britischen und der niederländischen Landesgesellschaft und anderer Gruppen, die sich in einer Vereinigung Freier Anthroposophischer Gruppen zusammengeschlossen hatten. Ita Wegman und insbesondere Elisabeth Vreede konnten nicht weiter im Rahmen der Gesellschaft und ihrer Sektionen wirken be­ziehungsweise standen vor dem Nichts. Die Anthroposophische Gesellschaft wurde durch diese Beschlüsse förmlich ge­spalten.
Nach der Abberufung und den Ausschlüssen waren die Konflikte in der Anthroposophischen Gesellschaft natürlich mitnichten beseitigt. Sie setzten sich sehr bald in anderer Weise und mit an­deren Persönlichkeiten fort, und das Verbot und die Verfolgung in Deutschland sowie der Weltkrieg brachten fast die gesamte Arbeit zum Erliegen.

Bemühungen um die Aufklärung
Heute vor 75 Jahren starben 1943 dann Ita Wegman am 4. März in Arlesheim mit 67 Jahren und Elisabeth Vreede am 31. August in Ascona mit 64 Jahren. Nach dem Ende der Weltkriegs-Katastrophe setzten Bemühungen ein, die Geschehnisse von 1935 in gewisser Weise wieder rückgängig zu machen oder zu heilen. Das geschah aber nur schrittweise und zögerlich. Die Abberufungsbeschlüsse selber wurden bei entsprechenden Erörterungen zum Beispiel in der Generalversammlung 1948 nicht aufgehoben. Die niederländische und die britische Landesgesellschaft kehrten schließlich – «Weil wir es wollen», so der niederländische Generalsekretär Zeylmans van Emmichoven – 1960 aus eigenem Entschluss wieder an das Goethe­anum und in die Allgemeine Anthropo­sophische Gesellschaft zurück.
In den 1980er- und 1990er-Jahren bemühten sich dann verschiedene Persönlichkeiten – im Vorstand unter anderem Jörgen Smit und Manfred Schmidt-­Brabant  –  darum, ein objektiveres Bild der fünf Gründungs-Vorstandsmitglieder zu vermitteln, ohne allerdings auf die Kon­flikte und Auseinandersetzungen ein­zu­gehen.
Gleichzeitig waren die vorhan­denen Archive kaum zugänglich, insbesondere dasjenige des Goetheanum blieb fest verschlossen. Emanuel Zeylmans, der Sohn des vormaligen Generalsekretärs und Pries­ter der Christengemeinschaft, machte sich zum Beispiel ab 1980 daran, die Biografie Ita Wegmans zu recherchieren – und stieß fortwährend auf Hindernisse und Ablehnung. Sein Bemühen wurde von Vorstandsseite in keiner Weise unterstützt.
1986 erschien erstmals eine Überblicksdarstellung von Bodo von Plato ‹Zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft› – damals noch ein für das Goethe­anum unerhörter Vorgang. Die Archive aber blieben geschlossen – denn die durch Verletzungen, Konflikte und rechtliche Auseinandersetzungen entstandenen tiefen Gräben zwischen den verschiedenen Fraktionen im Anschluss an das Wirken der vormaligen Vorstandsmitglieder konnten gerade erst in zähen, kleinen Schritten überbrückt, und mühsam konnte neues Vertrauen gefasst werden.

Grundlagen für die Rehabilitierung
Noch bis 1990 dauerte es aber, bevor Emanuel Zeylmans aus seinen Recherchen und ohne das Archiv des Goetheanum einsehen zu können, Leben, Werk und auch die Konflikte um Ita Wegman in einer zweibändigen Biografie umfassend beschrieb und in einem dritten Band die damals verfügbaren Dokumente zu den Konflikten und der Abberufung 1935 – dadurch auch für Elisabeth Vreede – veröffentlichte (später folgte noch ein vierter Band).
Durch diese Forschungsarbeit mit all ihren Hindernissen – die ich als gelegent­licher Besucher in Reutlingen in leidenschaftlichen Gesprächen verfolgen konnte  – ist die erste notwendige Grundlage für eine geistige und moralische Rehabilitierung von Ita Wegman (und zugleich für Elisabeth Vreede) historisch geleistet worden.
Die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz stellte später über mehrere Jahre Material zu jedem Mitglied des Gründungsvorstandes zusammen, verschiedene Biografien erschienen allmählich, und im Bewusstsein einer dritten Generation von Anthroposophen waren die ehemals abberufenen Ita Wegman und Elisabeth Vreede ganz selbstverständlich und ohne jeden Makel mit in den Gründungsvorgang und die Gesellschaftsentwicklung eingeschlossen.
Ein besonderer Schicksalsmoment war es, als Peter Selg – unmittelbar bevor es dem direkten anthroposophischen Forschungszusammenhang verloren gegangen wäre – das Wegman-Archiv in das 2002 gegründete Ita-Wegman-Institut für anthroposophische Grundlagenforschung übernehmen (und weitere Nachlässe hinzufügen) konnte. Seitdem sind vor allem dort zahlreiche weitere Forschungsarbeiten von ihm entstanden, die den histo­rischen Kontext der damaligen mensch­lichen Konstellation detailliert beleuchten, unter anderem auch die ausführ­liche Biografie Elisabeth Vreedes 2009.
Die Medizinische Sektion hat dann im letzten Jahrzehnt mit Hilfe von Peter Selg und anderen ein differenziertes Bild vom Wirken Ita Wegmans während der großen medizinischen Jahrestagungen am Goetheanum entwickeln können.

Weitere Schritte zu einer Rehabilitierung
In der Anschauung der meisten Mitglieder sind die damals abberufenen Vorstandsmitglieder deshalb von einer gewissen Warte aus bewusstseinsmäßig heute im 21. Jahrhundert längst ohne Makel. Eine offizielle Rehabilitierung hat aber nie stattgefunden.
In der Vorbereitung auf die große Goetheanum-Welt-Konferenz 2016 hatte Gerald Häfner allerdings mehrfach vorgeschlagen, der Gesellschaftsgeschichte und ded dabei verschiedentlich geschehenen Unrechts zu gedenken und dessen Aufarbeitung, auch rechtlich, einzuleiten. Dieser Impuls wurde aber von der Goethe­anum-Leitung als Gremium zu jenem Zeitpunkt nicht aufgegriffen.
Faktisch waren aber trotz all dieser Vorgänge die eigentlichen Beschlüsse der Generalversammlung zur Abberufung 1935 nie aufgehoben worden. Das fiel im Rahmen von Studien zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft Thomas Heck 2016 auf, der sich mit anderen Mitgliedern zusammen dann kurzfristig entschloss, für die Generalversammlung 2017 einen entsprechenden Antrag (Nr. 6, ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 3/2017, Seite 6) zu stellen, um damit das Versäumnis von 1948 nachzuholen; denn die Mitgliedschaft und die Leitung der Gesellschaft waren im Glauben, dass diese Beschlüsse längst aufgehoben worden seien (Uwe Werner, Nachrichtenblatt Nr. 51–52/2002, Seite 375).
Dem Antrag kam überall – auch in der Goetheanum-Leitung – überwiegend ein positives Echo entgegen. Es gab allerdings auch Stimmen, die der Auffassung waren, die Beschlüsse seien Gesellschaftsgeschichte und Tatsachen geworden, und daher sei es eine Illusion, diese viele Jahrzehnte später einfach nur wieder auf­zuheben. Leider wurden diese Bedenken bis unmittelbar vor der Generalversammlung zurückgehalten, sodass eine öffent­liche Auseinandersetzung nicht mehr möglich war. Unmittelbar am Tag vor der Generalversammlung entstand darüber in der Konferenz der versammelten 32 General­sekretäre und Landesvertreter eine heftige Debatte. Man mache sich die Rehabilitierung mit einem schlichten Beschluss zu einfach, so unter anderem auch Jaap Sijmons, der niederländische Generalsekretär – angesichts der gravierenden Konsequenzen und Schicksalsfolgen. Da diese Meinungsverschiedenheiten über die Relevanz eines solchen Aufhebungs­beschlusses nicht die Generalversammlung ‹spalten› sollten, versuchte Gerald Häfner in einem nächtlichen Formulierungs- und Abstimmungsversuch aufgrund seiner Vorbeschäftigung mit diesen Fragen, stattdessen zunächst einen Änderungsantrag zu formulieren, den er dann als ein Anliegen in die Generalversammlung einbrachte (‹Anthroposophie weltweit› Nr. 5/2017, Seite 11). Darin wurden die damaligen Beschlüsse bedauert und als falsch gekennzeichnet und die Persön­lichkeiten von Ita Wegman und Elisabeth Vreede gewürdigt sowie weitere Schritte auf dem Weg zu deren Rehabilitierung vor­geschlagen.
Der gestellte Antrag sowie die Initiative von Gerald Häfner wurden dann in der Aussprache von zahlreichen Rednern – darunter Peter Selg – bewegt, und es wurde auf weitere Aspekte aufmerksam gemacht. Es kamen dabei auch rechtliche Bedenken zur Möglichkeit und zu den Folgen eines solchen Aufhebungsbeschlusses auf. In einem Meinungsbild votierte eine große Mehrheit im Saal dafür, noch nicht in eine Abstimmung über den beantragten Aufhebungsbeschluss einzutreten. Aufgrund der unklaren Situation zogen die Antragsteller den Antrag zu diesem Zeitpunkt zurück, und die Generalversammlung unterstützte durch Handaufhebung mit großer Mehrheit und wenigen Gegenstimmen das von Gerald Häfner formulierte und in der Versammlung verlesene Anliegen.

Schritte nach der Generalversammlung 2017
Nach der Generalversammlung übernahm das Ita-Wegman-Institut die Auf­gabe, eine Dokumentation zur Rehabilitierung von Ita Wegman zu erstellen, die von Peter Selg in zwei Bänden im Frühjahr 2018 erscheinen wird. Die Mathematisch-Astronomische Sektion am Goetheanum bemüht sich um eine Gesamtausgabe der Werke und Briefe Elisabeth Vreedes, und in den Niederlanden gibt es Absichten zur Übersetzung und Veröffentlichung ihres schriftlichen Werkes. Das neu (wieder-)erworbene Gesellschaftshaus in der Riouw­straat 1 in Den Haag (NL) wurde am 20. Januar 2018 als Vreede-Haus ein­geweiht. Beiden Persönlichkeiten wird je ein Abend während des kommenden Jahrestreffens und der Generalversammlung von 22. bis 25. März 2018 gewidmet.
Der Vorstand hatte zudem eine recht­liche Prüfung der Frage zugesagt, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Beschluss der Generalversammlung von 1935 aufgehoben werden könnte. Dieses Votum lag im Dezember 2017 vor – parallel auch durch eine rechtliche Prüfung der Anthropo­sophischen Gesellschaft in der Schweiz bestätigt. Danach ist die Aufhebung eines ehemals gefassten Beschlusses der Ge­neralversammlung eines Vereins in der Schweiz möglich – allerdings nur mit der Wirkung ab dem Zeitpunkt der neuen Beschlussfassung. Die Goetheanum-­Leitung wie die Konferenz der General­sekretäre waren sich daher in ihrer Zusammenkunft Anfang November 2017 einig, einen möglichst weitgehenden Rehabi­li­tierungs­beschluss in der kommenden Generalversammlung zu fassen und damit dem Anstoß dieser Frage durch den Antrag 2017 und dem daraufhin von der Generalversammlung unterstützten Anliegen zu folgen.
Die Antragsteller hatten zwischenzeitlich im Sommer 2017 eine Initiative zur Rehabilitierung von Ita Wegman und Eli­sabeth Vreede gegründet (www.wegman-vreede.com; ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 12/2017, Seite 21) und per Internet über 1 200 Unterstützungsunterschriften gesammelt.
Am 14. Dezember 2017 und am 11. Januar 2018 – fanden bei der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz zwei Ge­spräche zwischen Vertretern der Antragsteller und der Goethe­anum-Leitung zusammen mit dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz zu einem Rehabilitierungsantrag statt, sodass der Schweizer Vorstand, die Goethe­anum-Leitung und die Konferenz der General­sekretäre diesen Antrag auf der Generalversammlung 2018 gemeinsam unterstützen werden.

Justus Wittich, Vorstand am Goetheanum