News from the Goetheanum

Sektion für Schöne Wissenschaften: Humanisierung des Menschen durch Literatur

Created by Ariane Eichenberg und Christiane Haid |
Was kann Literatur heute leisten? Unüberschaubare Datenfluten, immense Wissens­mengen einzelner Diszi­plinen und Interessen wirtschaftlicher und machtpolitischer Art sowie religiöse Einzigartigkeitsansprüche überwältigen das Individuum. Ganze Kontinente werden in brutale Kriege verstrickt. Fast absurd kommt es einem da vor, die Frage nach der Literatur und ihrem Wert für dieses zerbrechende Weltgefüge zu stellen.

Doch Literatur öffnet durch ihre Geschichten Räume, in die ich als Leser eintreten kann, die meine an die sogenannte Wirklichkeit gebundene Sicht erweitern. Sie trägt zur Identitätsfindung bei, stiftet Empathie und Toleranz und lässt mich die Welt aus anderer Perspektive lesen. Wirklichkeit wird neu erschaffen und dadurch erst in ihrer Vielfältigkeit sichtbar. Eigene Handlungen können durch das Lesen des Fremden überdacht und hinterfragt werden. So trägt Literatur dazu bei, die Menschlichkeit des Menschen zu erhalten, zu bilden und weiterzuentwickeln.

Selbstbestimmter Raum

Im Forschungsprojekt "Humanisierung des Menschen durch Literatur" wird die Bedeutung der Literatur für das Humanum in mehreren Schichten untersucht: Auf geisteswissenschaftlicher Ebene ist entscheidend, was Rudolf Steiner in seinem Michaelbrief vom 25. Oktober 1924 geäußert hat. Er spricht dort von der "Chris­tus-Michael-Sprache", die den Menschen an den Kosmos neu anbinden möchte. Wie sieht die Ausbildung solch einer "Christus-Michael-Sprache" konkret aus, ist sie in unserer abendländischen Literatur bereits zu finden?

Auf der literaturwissenschaftlichen Ebene stellt sich die Frage nach der Humanisierung des Menschen im Zusammenhang mit Inhalt und Form des Geschriebenen sowie der Art der Aufnahme durch den Leser. Wie sieht in der Literatur die Begegnung mit mir selbst, dem Anderen und Fremden aus? Welche Gesellschaftsformen werden entworfen? Welche Handlungsmöglichkeiten sind dargestellt? Diese inhaltsbezogenen Fragen lassen sich auch für die Formen der Darstellung (Erzählstrukturen) und die poetischen Verfahrensweisen formulieren.

Moderne Autoren überschreiten die Grenzen in Raum, in Zeit, mit ihren Figuren, sie stellen im Erzählakt eine multiperspektivische Sicht auf die Wirklichkeit her und eröffnen durch Metaphern Vielschichtigkeit. Alle genannten Elemente entfalten eine den Menschen bildende und seinen Horizont erweiternde Wirkung, sie humanisieren ihn. Somit kommt der Literatur und dem Lesen in einer digitalisierten Welt eine besondere Bedeutung zu, indem sie dem Menschen einen selbstbestimmten Raum eigenen inneren Bilderschaffens ermöglicht. So verstanden kann man Literatur neben Philosophie und Geschichte als eine eigenständige Erkenntnisdisziplin betrachten, die durch die Fantasietätigkeit Wirkliches und Mögliches in ein künstle­risches Spiel bringt und dem Menschen neue Wirklichkeitsebenen eröffnet.  

Forschung mit Anregungen für die Praxis

Es gilt nicht, durch Literatur eine ideale Welt neben unserer bestehenden zu errichten, sondern mit ihr in ihre Abgründe zu schauen – im Sinne von Nietzsche: "Der Mensch in seinen höchsten und edelsten Kräften ist ganz Natur und trägt ihren unheimlichen Doppelcharakter an sich. Seine furchtbaren und als unmenschlich geltenden Befähigungen sind vielleicht sogar der fruchtbare Boden, aus dem allein Humanität, Regungen, Taten, und Werke, hervorwachsen können." Das Projekt ist nicht nur im Gehäuse der Forschung angesiedelt, es soll neben Tagungen und Publikationen auch Anregungen für den Schulunterricht geben.

Ariane Eichenberg, Literaturwissenschaftlerin, und Christiane Haid, Leiterin der Sektion für Schöne Wissenschaften


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