News from the Goetheanum

Gastspiel: Der Sturz des Antichrist

Created by Cornelia Friedrich |
Am Goetheanum wurde dreimal das Stück von Albert Steffen in einer jungen Inszenierung von Nathalie Kux gezeigt.

Schon Tage, bevor ich mir die Inszenierung unter der Regie von Nathalie Kux anschaue, beschäftigt mich eine Aussage Rudolf Steiners über Albert Steffen: «Verstehen muss man Steffen, indem man zurückblickt auf ihn als Giotto. Die ganze Wendung vom Cimabue zum Giotto ist doch die vom lichten Spiritualismus, von der Geistigkeit in Farbe, Auffassung und Form zum Naturalismus; und nur in Raphael und den Großen bleibt noch etwas von dem, was untergegangen ist und nur in Cimabue etwas aufbewahrt ist. Das alles drückt sich in der Psyche von Steffen aus. Er arbeitet mit den Kräften, die aus der damaligen Wendung ihm aufstoßen, geht auf die Wirklichkeit los, wie das im 20. Jahrhundert fast allein möglich ist. Giotto hatte die Schönheit vor sich, aus der er herausgewachsen ist. Das idealisiert seinen Naturalismus. Steffen hatte überall Unkunst um sich; das materialisiert den Spiritualismus, der in ihm von Anfang an schlummerte.» (Rudolf Steiner, GA 262, S. 450)

Steffens dramatische Skizze erlebe ich als sehr expressiv. Die auftretenden Personen sind Prototypen, Vertreter einer Funktion, Reduktionen des Menschlichen. Das ist klar und hart bei Steffen angelegt. Der Bühnenraum mit den drei Holzpritschen im ersten Akt, mit dem Steinblock im inneren Kerker oder dem Rednerpult und den drei Fahnen im letzten Akt spricht diese Sprache.

In dieser Inszenierung gelingt es Johann Sommer, der Figur des Künstlers durch warme innerliche Verbindung von Gestik und Sprache einen menschlich-seelischen Umraum zu geben. Man kann seine Angst miterleben; sie bleibt nicht nur wie beispielhaft aufgezeigt.

Die Kerkerszene, die gleichermaßen Einweihungsszene ist, mit Johannes Händler in der Rolle des Wärters, erlebe ich als einen Höhepunkt. Sie erschließt mir ein erweitertes Verständnis von dem Gefängniswärter als Stimme des höheren Ich.

Die Cello-Musik von Pedro Guiraud, gespielt von Bettina Maria Bauer,  gerät am Übergang vom ersten zum zweiten Akt etwas zu lang und lässt den Zuschauer in einer Verunsicherung zurück, ob und wie es denn nun weitergeht. Trotzdem trägt sie, zusammen mit der intimen Lichtführung (Ilja von der Linden) etwas zu diesem weicheren seelischen, fast lyrischen Raum bei! Beide machen das expressiv Holzschnittartige etwas weicher, öffnen einen Empfindungsraum – fast impressiv – für den Zuschauer. Ist das eine Möglichkeit, durch seelisch-menschliche Zwischentönungen uns den Inhalt näherzubringen?

In der Kultur der Bänkelsänger gab es diese expressive Haltung, die hinzeigt, auch mittels Bildern oder Schildern, auf das, was der Sänger als wichtig erachtet. In dieser Verwendung des Bildelementes erlebe ich am ehesten einen Bezug zu Giotto als Maler. Steffen stellt ein Bild neben das andere, sogar im Sprechen nur einer Person könnte man das als Hinstellen von kleinen fertigen Bildern – wie Miniaturen – erleben, auch wenn es um gleitende Prozesse geht. Vielleicht empfinde ich deshalb die Musik hier als ein die Bildelemente verknüpfendes Element.

Steffen nennt sein Stück eine "dramatische Skizze". Eine Skizze fasst Wesentliches in einer reduzierten Form. Man könnte sich fragen, wie die Ausarbeitung einer Skizze aussehen könnte. Ist die Inszenierung von Nathalie Kux ein Anfang in diese Richtung? Wie könnte eine Inszenierung aussehen, die  sich nicht dieser vermittelnden Aspekte bedient, das Sagenswerte ohne Umschweife darstellt, wie es Fridjof Kronmüller als Regent gut zum Ausdruck bringt. Fragen, die sich mir stellen und auf weitere Realisierunsversuche hoffen lassen.

Nächste Aufführung: 12.07., 20 Uhr

Quelle: Das Goetheanum Nr. 5/2013


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