Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft

1899
1899-1900 Anfänge und Grundlagen

Jahrhundertwende Berlin. Rudolf Steiner lebt als Schriftsteller, Vortragender und Redakteur in den verschiedensten kulturellen Zusammenhängen. Er ist Redakteur des „Magazins für Litteratur“, hält Vorträge im Kreis der „Kommenden“ und im „Giordano-Bruno-Bund“; gibt Geschichtsunterricht an der von Bruno Wille und Wilhelm Bölsche gegründeten „Freien Hochschule“ und unterrichtet an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule. Er sucht nach Möglichkeiten, Formen der Zusammenarbeit und Gesellschaftsgestaltung zu finden, die dem Geist des neuen Jahrhunderts entsprechen. Die sich zuspitzende „soziale Frage“ lässt sich nicht durch Konventionen lösen, sondern fordert einen geistigen Individualismus. Grundlagen dafür hat er in seiner 1894 erschienenen "Philosophie der Freiheit" ausgearbeitet.

1900
1900-01 Nietzsches Tod

Anlässlich von Nietzsches Tod hält Rudolf Steiner in der Theosophischen Bibliothek einen Gedenkvortrag. Nach einem weiteren Vortrag über Goethe wird er eingeladen, im Winter 1900/01 einen Vortragszyklus über „Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung“ zu halten. Im Winter 1901/02 spricht er dort über „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“. Beide Reihen werden zu gleichnamigen Büchern verarbeitet.

1902
1902 Wahl zum Generalsekretär

Die in Bildung befindliche deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft sucht für ihre Gründung einen Generalsekretär. Die Wahl fällt auf Rudolf Steiner. Er sagt unter der Bedingung zu, dass er auf Grundlage seiner eigenen Forschung arbeiten kann und dass Marie von Sivers (spätere Ehefrau R. Steiners) seine Mitarbeiterin wird. Rudolf Steiner findet in dem ca. 120 Mitglieder zählenden Zusammenhang Interessenten für seine inneren Anliegen: aus der Entwicklung des geistigen Eigenwesens des Menschen kulturell-sozialgestaltend zu wirken.

1903
1903 Lucifer Gnosis

Die Monatsschrift „Luzifer“ (Lichtträger) wurde von Rudolf Steiner 1903 begründet, um „eine eigene Zeitschrift zu haben“ – unabhängig von theosophischer Dogmatik. Hier erscheint u.a. 1904/05 die Aufsatzreihe: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?“

1902
1902-1912 Aufbau Theosophische Gesellschaft

Aufbau der Theosophischen Gesellschaft im deutschsprachigem Gebiet durch Rudolf Steiner und Marie von Sivers. Ausserdem beginnt eine rege Vortragstätigkeit in Europa mit einem weit gespannten Themenspektrum. Dieser Schritt in die Theosophische Gesellschaft ist für viele Zeitgenossen eine Überraschung, da sie Steiner eher als Kritiker der Theosophischen Gesellschaft kannten. Für ihn stellt es sich so dar: „Diese zwei Dinge: erstens, dass es ein geistiges Reich gibt, zweitens, dass der Mensch mit dem innersten Ich seines Wesens mit diesem Reich zusammenhängt, sind ja die Fundamentalpunkte der ‚Philosophie der Freiheit’ [1894]. Es musste eben einmal die Frage entstehen: Kann man dasjenige, was wie eine Art von Botschaft von der geistigen Welt der neueren Menschheit verkündigt werden soll, in dieser Weise verkündigen? Gibt es die Möglichkeit anzuknüpfen an irgend etwas? Menschen waren da, die damals aus ihrem Streben heraus in die Theosophische Gesellschaft hinein wollten. Das waren schliesslich diejenigen, zu denen sich von diesen Dingen reden liess.“(Rudolf Steiner, in: GA 258, S. 36f).

1907
1907 Münchner Kongress

Unter der Federführung Rudolf Steiners findet ein internationaler theosophischer Kongress in München statt. Rudolf Steiner gestaltet den Kongress unter künstlerischen Gesichtspunkten. Elemente des später realisierten Goetheanumbaus klingen an.

1908
1908 Philosophisch-Theosophischer Verlag

Marie von Sivers gründet den Philosophisch-Theosophischen Verlag (ab 1913 Philosophisch-Anthroposophischer Verlag). In Buchform erscheinen grundlegende Werke zur Anthroposophie, u.a.:

  • Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung
  • Die Geheimwissenschaft im Umriss
  • Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

„Marie von Sivers war die Persönlichkeit, die durch ihr ganzes Wesen die Möglichkeit brachte, dem, was durch uns entstand, jeden sektiererischen Charakter fernzuhalten und der Sache einen Charakter zu geben, der sie in das allgemeine Geistes- und Bildungsleben hineinstellt“ (Rudolf Steiner in GA 28, 31. Kap).

1912
Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft

1902: 118 Mitglieder, 9 Ortsgruppen
1906: 495 Mitglieder, 24 Ortsgruppen
1909: 1500 Mitglieder, 41 Ortsgruppen
1912: 2489 Mitglieder, 55 Ortsgruppen

1912
1912 Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft

28.12.1912: Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Köln mit ca. 3000 Mitgliedern. Im Vorstand: Marie von Sivers, Michael Bauer, Carl Unger. Rudolf Steiner übernimmt keine Ämter, sondern wirkt als Berater und Vortragender. Trennung von der Theosophischen Gesellschaft.

Zu einer befriedigenden und gesunden Lebensgestaltung bedarf die Menschennatur der Erkenntnis und Pflege ihrer eigenen übersinnlichen Wesenheit und der übersinnlichen Wesenheit der aussermenschlichen Welt. …Wahre Geistesforschung und die aus ihr folgende Gesinnung soll der Gesellschaft ihren Charakter geben…:

  1. Es können in der Gesellschaft alle diejenigen Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrachten, wie auch diese verschieden sein mögen in bezug auf Glauben, Nation, Stand, Geschlecht usw.
  2. Es soll die Erforschung des in allem Sinnlichen verborgenen Übersinnlichen gefördert und der Verbreitung echter Geisteswissenschaft gedient werden.
  3. Es soll die Erkenntnis des Wahrheitskernes in den verschiedenen Weltanschauungen der Völker und Zeiten gepflegt werden

(Aus: Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft 1912)

1910
1910-1913 Künstlerisches Wirken

Breit angelegtes künstlerisches Wirken innerhalb der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit. Während den jährlich stattfindenden Sommerfestspielen werden Mysteriendramen Rudolf Steiners aufgeführt. In diesen kommt auch die von R. Steiner entwickelte Bewegungs- und Bühnenkunst „Eurythmie“ zur Darstellung geistiger Vorgänge zum Einsatz. Durch den Beginn des Ersten Weltkrieges kann die Arbeit nicht in diesem Masse weitergeführt werden.

1913
1913-1919 Entstehung Erstes Goetheanum

Ab 1913 und während des Ersten Weltkrieges wird unter Mitarbeit von Künstlern und Helfern aus allen europäischen Ländern am Goetheanumbau gearbeitet: ein internationales Zentrum anthroposophischer Arbeit und Aufführungsort für die Mysteriendramen. Während der Bauzeit entstehen um das Goetheanum wissenschaftliche und künstlerische Einrichtungen, eine „Anthroposophen-Kolonie“, architektonische Entwürfe zu Wohn- und Zweckbauten von Rudolf Steiner werden realisiert. Für die Arbeiter am Bau hält Rudolf Steiner anthroposophische und allgemeinbildende Vorträge. Marie Steiner inszeniert Szenen aus Goethes „Faust“ und die Bühnenkunst „Eurythmie“ wird weiterentwickelt. Die bisher intern gehaltene Arbeit der Gesellschaft tritt in die ‚Sichtbarkeit’.

1919
1919 Dreigliederung

In der gärenden Nachkriegszeit versuchen Steiner und einige Mitarbeiter mit Anregungen zur Sozialgestaltung („Dreigliederung des sozialen Organismus“) darauf hinzuwirken, dass das Konzept des Einheitsstaates zugunsten gegliederter Funktionsbereiche (Staat, Wirtschaft, Kultur) mit eigenen Organisations- und Repräsentationsformen aufgegeben wird. Rudolf Steiners Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ erregt öffentliches Aufsehen. Eine Reihe von Einrichtungen versucht im Kleinen eine Realisierung dieser Ansätze (z.B. Futurum A.G., Kommender Tag A.G.).

1919
1919 Erste Waldorfschule

Im April 1919 bittet Emil Molt Rudolf Steiner um die Gründung einer Schule für die Kinder der Arbeiter seiner Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Fünf Monate später wird die von den Lehrern selbst verwaltete Schule eröffnet: unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht, Begabung und späterem Beruf erhalten junge Menschen eine grundlegende Schulbildung. Pädagogische Grundlage ist eine an der leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung des Kindes orientierte Anthropologie. Die neuartige pädagogische Konzeption der Schule ist erfolgreich: Rudolf Steiner wird zu Kursen in der Schweiz, England und Holland eingeladen, auf die später weitere Schulgründungen folgen.

1920
1920-21 Erweiterte Heilkunst

Rudolf Steiner hält auf Bitten von Ärzten Vorträge zur geisteswissenschaftlichen Erweiterung und Vertiefung ihrer medizinischen Arbeit. Aufgrund dieser und weiterer Anregungen zur Ergänzung der Schulmedizin kommt es 1921 zur Eröffnung zweier Kliniken und einer pharmazeutischen Fabrik. Ita Wegman wird Mitarbeiterin Rudolf Steiners auf medizinischem und anthroposophischem Feld. Gründerin des klinisch-therapeutischen Institutes in Arlesheim /CH (später Ita Wegman-Klinik)

1921
1921 Gründung Wochenschrift "Das Goetheanum"

Albert Steffen war Dichter, Redakteur der Wochenschrift „Das Goetheanum“. Durch seine Romane wurde Steffen vor dem Ersten Weltkrieg im deutschsprachigem Gebiet bekannt. Seine Dramen kamen im Basler Stadttheater und im Goetheanum zur Aufführung.

1921
1921-22

In ,Hochschulkursen’ werden in verschiedenen europäischen Ländern der Wissenschaftscharakter der Anthroposophie und vertiefende Gesichtspunkte für Fachwissenschaften ausgearbeitet. Die von der Konzertagentur Wolff&Sachs organisierten Vortragsreisen Rudolf Steiners finden starken Andrang in der Öffentlichkeit. Die bis heute erscheinenden Kulturzeitschriften „Das Goetheanum“ (Wochenzeitung) und „Die Drei“ (Monatsschrift) werden gegründet.1922 findet in Wien der sog. West-Ost-Kongress „zur Verständigung zwischen westlicher und östlicher Weltgegensätzlichkeit“ statt. Die Initiative von Theologen, Pfarrern und Theologiestudenten führt einen Menschkreis um Friedrich Rittelmeyer 1922 zur Gründung der Christengemeinschaft als Bewegung für religiöse Erneuerung.

1923
1923 Brand des Ersten Goetheanum

Das Goetheanum wird in der Sylvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört. Der Brand manifestiert die sich verstärkende Gegnerschaft und fordert, dass die Formen der Anthroposophischen Gesellschaft von 1912/13 (ca. 3000 Mitglieder) der sich differenzierenden und international ausbreitenden Bewegung mit nun ca. 12000 Mitgliedern angepasst werden. Rudolf Steiner wirkt darauf hin, dass sich in den Ländern selbständige Landesgesellschaften bilden. Zu Weihnachten soll deren internationaler Zusammenschluss gebildet werden. Der Beschluss zum Wiederaufbau des Goetheanums wird gefasst.

1923
1923-24 Neustrukturierung und Vertiefung

Während der Weihnachtstagung vom 24. Dezember 1923 bis zum 1. Januar 1924 wird die Anthroposophische Gesellschaft neu gegründet. Rudolf Steiner bildet einen Initiativvorstand mit Albert Steffen, Marie Steiner, Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Guenther Wachsmuth und übernimmt selbst den Vorsitz. Gleichzeitig richtet er als Mittelpunkt spiritueller Wirksamkeit die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ein mit Forschungs-Abteilungen (Sektionen) in den Bereichen: Allgemeine Anthroposophie, Pädagogik, Medizin, Redende und Musizierende Künste, Schöne Wissenschaften, Mathematik und Astronomie, Naturwissenschaft und Bildende Künste. Später kommen noch Sektionen für Sozialwissenschaften, Jugend und eine landwirtschaftliche Abteilung hinzu. Der neue Goetheanumbau soll der Mittelpunkt dieser weltweiten Arbeit werden. Rudolf Steiner entwirft für diesen Bau ein Aussenmodell. Die bisher nur für Mitglieder zugänglichen Nachschriften von Vorträgen Rudolf Steiners sind nun öffentlich zugänglich. Organ der Anthroposophischen Gesellschaft wird eine Beilage „Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht“ zu der seit 1921 wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „Das Goetheanum“.

1924
1924

Durch Kurse Rudolf Steiners auf Bitten verschiedenster Interessenten- und Berufsgruppen entstehen weitere Kulturinitiativen: u.a.: biologisch-dynamische Landwirtschaft mit ökologischen und sozialen Bedingungen für eine Zukunft der Landwirtschaft, anthroposophische Heilpädagogik mit Perspektiven für die Therapie, das Leben und Arbeiten mit Menschen mit Behinderung und durch den „Dramatischen Kurs“ im September 1924 wird eine Erweiterung des Schauspiels und der Sprachkunst ins Auge gefasst.

1925
1925

Durch eine intensive Vortragstätigkeit 1924, die "Anthroposophischen Leitsätze" und "Michaelbriefe" (GA 26) kommt eine Neuformulierung der Anthroposophie zustande.
Rudolf Steiner stirbt nach sechsmonatigem Krankenlager am 30. März 1925. Die durch ihn angelegte Neustrukturierung der Anthroposophischen Gesellschaft bleibt fragmentarisch.

1925
1925

Die vielseitigen kulturellen Initiativen werden nach Rudolf Steiners Tod weitergeführt und entfalten sich in ersten Anfängen international. Albert Steffen wird Vorsitzender der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und prägt sie neben und durch sein dichterisches Schaffen bis Anfang der 60er Jahre. Es bestehen in 15 Ländern Landesgesellschaften der Anthroposophischen Gesellschaft.

1928
1928 Eröffnung des Zweites Goetheanum

Das zweite Goetheanum wird mit einer Tagung mit über 2000 Teilnehmern eröffnet.

1935
1935 Verbot

Am 1. November 1935 wird die deutsche Landesgesellschaft von den Nationalsozialisten verboten.

1935
1935-45 Isolation

Das Verbot und die kriegsbedingte Isolation der Schweiz schränken die Aktivitäten weltweit und am Goetheanum sehr ein. Am Goetheanum finden während des Krieges Tagungen zu den Jahresfesten und zu fachlichen Fragestellungen statt. Interne Differenzen führen zum Ausschluss von Mitgliedern, sowie von Ita Wegman und Elisabeth Vreede aus dem Vorstand und dadurch dazu, dass bis in die 50er und 60er Jahre die medizinische und heilpädagogische Bewegung, sowie große Teile der holländischen und englischen Landesgesellschaft unabhängig von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft weiterarbeiten.

1938
1938 Uraufführung Faust I&II ungekürzt

Marie Steiner inszeniert am Goetheanum neben den Mysteriendramen von Rudolf Steiner und Dramen von Albert Steffen Goethes „Faust“ in beiden Teilen ungekürzt – die Welturaufführung in dieser Form findet im Sommer 1938 statt. Teile daraus waren schon bei der Pariser Weltausstellung 1937 zu sehen.

1945
1945 Neubeginn

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es in Deutschland zu einem Neubeginn und weltweit zu einer Ausweitung anthroposophischer Initiativen, vor allem mit der Gründung von Einrichtungen in den Bereichen Pädagogik, Medizin, Heilpädagogik und Landwirtschaft. Berufsverbände, Periodika und Verlage entstehen neu. Das seit 1968 bestehende Ausbildungszentrum in  Järna/Schweden bietet nebst Kulturprogramm und Einführungen in die Anthropsophie Studiengänge in den Bereichen Kunst und Pädagogig an.

1950
50er/60er Jahre

Konsolidierung der Gesellschaftsaktivitäten am Goetheanum und in den Ländern. 1963 zeichnet sich ein Generationenwechsel ab: mit Guenther Wachsmuths und Albert Steffens sterben die letzten Gründungsvorstandsmitglieder. Schon vorher wird der Vorstand am Goetheanum ergänzt und das Kollegium der Sektionsleiter aktiviert. Der kosmopolitische Charakter der Gesellschaft wird durch eine Zusammenarbeit mit den Generalsekretären der Landesgesellschaften ausgebaut. Intensive Grundlagenarbeit, Integration der holländischen und englischen Landesgesellschaft, sowie der medizinischen und heilpädagogischen Initiativen.

1950
Seit 50er Jahre

Am Goetheanum und in anderen Ländern entstehen Seminare und Ausbildungszentren für Berufsausbildungen in anthroposophischer Pädagogik, bildender Kunst, Eurythmie, Sprachgestaltung, Heilpädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft etc. Ein anthroposophisch-studentisches Leben entsteht an verschiedenen Universitäten. Internationale Jugendtagungen in verschiedenen Ländern. Erik Asmussen mit seiner anthroposophisch inspirierten Architektur visualisierte Anthroposophie in Skandinavien. Baute u.a. das Rudolf Steiner Seminariet, Järna, 1982.

1954
1954

1954 beginnt die Herausgabe der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe als Studienausgabe durch die unabhängig von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft arbeitende „Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung“. Der Plan zu einer Jubiläumsausgabe zu Rudolf Steiners 100. Geburtstag 1961 war eine Grundlage der heute über 340 Bände zählenden Gesamtausgabe – einer umfassenden Inspirationsquelle für die Erweiterung von Kunst, Wissenschaft und Lebenspraxis durch Anthroposophie.

1960
60er Jahre

Seit den 60er Jahren entstehen in vielen grösseren Städten weltweit Rudolf Steiner-Häuser als Kulturzentren. Die dort ansässigen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft erarbeiten in den lokalen Gruppen („Zweigen“) anthroposophische Grundlagen und bilden ein Forum für Initiativen und Gründungen.

1970
70er Jahre

Verstärkte Ausbreitung der Kulturinitiativen. Weltweit entstehen eine Vielzahl von Schulen, Höfen, Studienstätten, Ausbildungszentren, sozialpädagogische, sozialtherapeutische und heilpädagogische Einrichtungen, Kliniken, pharmazeutische und therapeutische Einrichtungen u.v.a.m., die in der Anthroposophie ihre Wurzeln haben. Mit der öffentlich beachteten Gründung des „Gemeinnützigen Gemeinschafts-Krankenhauses Herdecke“ 1969 wird eine neue Entfaltungsphase eingeleitet. Kienle ist Initiator des „Gemeinnützigen Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke“ und Mitgründer der freien Universität Witten/Herdecke (Anfang der 80er Jahre).

Parallel dazu entstehen berufsbildende Studiengänge zur Waldorfpädagogik, biologisch-dynamischer Landwirtschaft, anthroposophisch erweiterter Medizin und künstlerische Ausbildungen in allen Erdteilen. Die entsprechende Grundlagen- und Fachforschung in eigenen Instituten und an Hochschulen und Universitäten schlägt sich in wissenschaftlicher, fachorientierter und allgemein-anthroposophischer Literatur nieder. Zur Koordination der verschiedenen Einrichtungen entstehen eigene, von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhängige Verbände und Gremien. Die Anthroposophische Gesellschaft bildet durch Fachtagungen, Kulturaustausch und Forschung ein kommunikatives Zentrum und einen menschlichen Zusammenhang der verschiedenen Bewegungen. Eine lokale, überregionale und internationale Tagungskultur entsteht. Tagungs- und Studienhäuser mit vielfältigen Kursangeboten an verschiedenen Orten.

1980
80er Jahre

In den 80er Jahren entstehen neu anthroposophische Kulturinitiativen in sozialen Brennpunkten: Waldorfschulen und Kindergärten in Südafrika jenseits der Grenzen von Apartheid, Kulturarbeit in den Elendvierteln von Sao Paulo, Sozialarbeit im Strafvollzug, Suchttherapie, Altenpflege u.v.a.m. Ute Craemer 1979 gründete Ute Craemer in Sao Paulo in den Favelas (Elendsviertel) von Sao Paulo ein Kulturzentrum. Heute arbeiten dort über 120 Menschen in den Werkstätten, Bildungseinrichtungen, in der Gesundheitsarbeit, Theatergruppen etc. Betroffene können so die Armutsspirale durchbrechen. Ca. 10.000 Menschen sind dort bisher an den Tätigkeiten beteiligt gewesen.

1990
90er Jahre Pluralisierung und Identitätsfragen

Eine partielle Integration der anthroposophischen Ansätze und Initiativen in das allgemeine kulturelle Leben der westlichen Welt zeichnet sich ab. Seit 1989 werden Landesgesellschaften und anthroposophische Kulturinitiativen in Osteuropa und Russland gegründet, erste Tätigkeiten im asiatischen Raum.
Die Anfang des Jahrhunderts gestellten Fragen zum Selbstverständnis des Menschen sind heute zivilisatorische Grundproblematik: Sterbehilfe, Verlust der Kindheit, Gentechnik, ökologische Krise etc. sind nicht nur tagespolitische Themen, sondern auch Bestimmend für die Zukunft der menschlichen Existenz. Mit diesen Entwicklungen gehen Identitätsfragen in den anthroposophischen Einrichtungen, Gesellschaften und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft einher. 

Eine Rückbesinnung auf die Gründungsimpulse konturiert die Aufgabenstellung der Anthroposophischen Gesellschaft: durch Entwicklung eines originären „Bewusstseins seines Menschentums“ (Rudolf Steiner), d.i. durch Anthroposophie, Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums für eine Zeit freizulegen, in der die Art der Behandlung von wissenschaftlichen, sozialen von Lebensfragen die Wirklichkeit des Menschen zu konstituieren begonnen hat. Schwerpunkte liegen dabei:

  • im Ausbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihrer Aufgabe, die geistige Durchdringung und Vertiefung der Lebenspraxis in der gegenwärtigen Zeitlage zu ermöglichen,
  • einen menschlichen Zusammenhang zu bilden, der ein Forum für Fragen innerer Entwicklung, Herausforderungen der Gegenwart und für zivilgesellschaftliche Initiative sein kann,
  • am Goetheanum ein dialogisches Zentrum einer kosmopolitischen Gesellschaft zu bilden.
Heute
Heute

Heute besteht die Anthroposophische Gesellschaft in 50 Ländern, Gruppen bestehen darüberhinaus in weiteren 50 Ländern. Weltweit arbeiten ca. 10000 Einrichtungen auf anthroposophischen Grundlagen.