Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft und Kulturinitiativen

<b>Carl Unger (1878-1929)</b>

28.12.1912: Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Köln mit ca. 3000 Mitgliedern. Im Vorstand: Marie von Sivers, Michael Bauer, Carl Unger. Rudolf Steiner übernimmt keine Ämter, sondern wirkt als Berater und Vortragender. Trennung von der Theosophischen Gesellschaft.

Zu einer befriedigenden und gesunden Lebensgestaltung bedarf die Menschennatur der Erkenntnis und Pflege ihrer eigenen übersinnlichen Wesenheit und der übersinnlichen Wesenheit der aussermenschlichen Welt. …Wahre Geistesforschung und die aus ihr folgende Gesinnung soll der Gesellschaft ihren Charakter geben…:
1. Es können in der Gesellschaft alle diejenigen Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrachten, wie auch diese verschieden sein mögen in bezug auf Glauben, Nation, Stand, Geschlecht usw.
2. Es soll die Erforschung des in allem Sinnlichen verborgenen Übersinnlichen gefördert und der Verbreitung echter Geisteswissenschaft gedient werden.
3. Es soll die Erkenntnis des Wahrheitskernes in den verschiedenen Weltanschauungen der Völker und Zeiten gepflegt werden
(Aus: Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft 1912)

<b>Michael Bauer (1871-1929)</b>

1910-1913 Breit angelegtes künstlerisches Wirken innerhalb der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit. Während den jährlich stattfindenden Sommerfestspielen werden Mysteriendramen Rudolf Steiners aufgeführt. In diesen kommt auch die von R. Steiner entwickelte Bewegungs- und Bühnenkunst „Eurythmie“ zur Darstellung geistiger Vorgänge zum Einsatz. Durch den Beginn des Ersten Weltkrieges kann die Arbeit nicht in diesem Masse weitergeführt werden.

<b>Szene aus Rudolf Steiners Drama: „Die Pforte der Einweihung“ (1910)</b>

1913-1919 Ab 1913 und während des Ersten Weltkrieges wird unter Mitarbeit von Künstlern und Helfern aus allen europäischen Ländern am Goetheanumbau gearbeitet: ein internationales Zentrum anthroposophischer Arbeit und Aufführungsort für die Mysteriendramen. Während der Bauzeit entstehen um das Goetheanum wissenschaftliche und künstlerische Einrichtungen, eine „Anthroposophen-Kolonie“, architektonische Entwürfe zu Wohn- und Zweckbauten von Rudolf Steiner werden realisiert. Für die Arbeiter am Bau hält Rudolf Steiner anthroposophische und allgemeinbildende Vorträge. Marie Steiner inszeniert Szenen aus Goethes „Faust“ und die Bühnenkunst „Eurythmie“ wird weiterentwickelt. Die bisher intern gehaltene Arbeit der Gesellschaft tritt in die ‚Sichtbarkeit’.

Einladung zu einem Vortrag Rudolf Steiners 1919
Rudolf Steiners Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ wurde „Bestseller“.

1919 In der gärenden Nachkriegszeit versuchen Steiner und einige Mitarbeiter mit Anregungen zur Sozialgestaltung („Dreigliederung des sozialen Organismus“) darauf hinzuwirken, dass das Konzept des Einheitsstaates zugunsten gegliederter Funktionsbereiche (Staat, Wirtschaft, Kultur) mit eigenen Organisations- und Repräsentationsformen aufgegeben wird. Rudolf Steiners Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ erregt öffentliches Aufsehen. Eine Reihe von Einrichtungen versucht im Kleinen eine Realisierung dieser Ansätze (z.B. Futurum A.G., Kommender Tag A.G.).

<b>Rudolf Steiner und Mitarbeiter vor dem entstehenden Goetheanum</b>
<b>Das erste Goetheanum von Süden</b>
<b>Eröffnungsfeier der ersten Waldorfschule 1919. </b>
<b>Ärzte-Kurs 1921</b>
<b>"Das Goetheanum"</b>
<b>Albert Steffen (1884-1963),</b> Dichter. Redakteur der Wochenschrift „Das Goetheanum“. Durch seine Romane wurde Steffen vor dem Ersten Weltkrieg im deutschsprachigem Gebiet bekannt. Seine Dramen kamen im Basler Stadttheater und im Goetheanum zur Aufführung.
<b>Emil Molt (1876-1936)</b> Initiator der ersten Waldorfschule 1919

1919 Im April 1919 bittet Emil Molt Rudolf Steiner um die Gründung einer Schule für die Kinder der Arbeiter seiner Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Fünf Monate später wird die von den Lehrern selbst verwaltete Schule eröffnet: unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht, Begabung und späterem Beruf erhalten junge Menschen eine grundlegende Schulbildung. Pädagogische Grundlage ist eine an der leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung des Kindes orientierte Anthropologie. Die neuartige pädagogische Konzeption der Schule ist erfolgreich: Rudolf Steiner wird zu Kursen in der Schweiz, England und Holland eingeladen, auf die später weitere Schulgründungen folgen.

<b>Ita Wegman (1876-1943),</b> Ärztin. Mitarbeiterin Rudolf Steiners auf medizinischem und anthroposophischem Feld. Gründerin des klinisch-therapeutischen Institutes in Arlesheim /CH (heute Ita Wegman-Klinik)

1920/1921 Rudolf Steiner hält auf Bitten von Ärzten Vorträge zur geisteswissenschaftlichen Erweiterung und Vertiefung ihrer medizinischen Arbeit. Aufgrund dieser und weiterer Anregungen zur Ergänzung der Schulmedizin kommt es 1921 zur Eröffnung zweier Kliniken und einer pharmazeutischen Fabrik. (Später Ita-Wegman-Klinik in Arlesheim/CH, Filderklinik b. Stuttgart/DE; WELEDA, WALA)

1921/1922 In ‚Hochschulkursen’ werden in verschiedenen europäischen Ländern der Wissenschaftscharakter der Anthroposophie und vertiefende Gesichtspunkte für Fachwissenschaften ausgearbeitet. Die von der Konzertagentur Wolff&Sachs organisierten Vortragsreisen Rudolf Steiners finden starken Andrang in der Öffentlichkeit. Die bis heute erscheinenden Kulturzeitschriften „Das Goetheanum“ (Wochenzeitung) und „Die Drei“ (Monatsschrift) werden gegründet.1922 findet in Wien der sog. West-Ost-Kongress „zur Verständigung zwischen westlicher und östlicher Weltgegensätzlichkeit“ statt. Die Initiative von Theologen, Pfarrern und Theologiestudenten führt einen Menschkreis um Friedrich Rittelmeyer 1922 zur Gründung der Christengemeinschaft als Bewegung für religiöse Erneuerung.

<b>Die Brandruine des ersten Goetheanum.</b>

1923 Das Goetheanum wird in der Sylvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört. Der Brand manifestiert die sich verstärkende Gegnerschaft und fordert, dass die Formen der Anthroposophischen Gesellschaft von 1912/13 (ca. 3000 Mitglieder) der sich differenzierenden und international ausbreitenden Bewegung mit nun ca. 12000 Mitgliedern angepasst werden. Rudolf Steiner wirkt darauf hin, dass sich in den Ländern selbständige Landesgesellschaften bilden. Zu Weihnachten soll deren internationaler Zusammenschluss gebildet werden. Der Beschluss zum Wiederaufbau des Goetheanums wird gefasst.