Erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft

Die Aufgabe der Ersten Klasse der Freien Hochschule umreisst Rudolf Steiner folgendermassen: “Es wird […] im Allgemeinen so sein müssen, dass der Mensch die geistige Welt zuerst in der Ideenform kennenlernt. In dieser Art wird die Geisteswissenschaft in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt. Es wird aber Persönlichkeiten geben, die teilnehmen wollen an den Darstellungen der geistigen Welt, die von der Ideenform aufsteigen zu Ausdrucksarten, die der geistigen Welt selbst entlehnt sind. Und auch solche werden sich finden, welche die Wege in die geistige Welt kennenlernen wollen, um sie mit der eigenen Seele zu gehen. Für solche Persönlichkeiten werden die drei Klassen der ‚Schule' da sein.”

(Rudolf Steiner, in: N 1924, Nr. 2; GA 260a, S. 108 f.)

Entstehung, Entwicklung und heutige Praxis

Anlässlich der Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft während der Weihnachtstagung 1923/24 beschreibt Rudolf Steiner die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und beginnt als ihr Leiter unmittelbar danach mit ihrer Einrichtung. Dabei beabsichtigt er, sie nach drei Klassen und in Sektionen zu gliedern.

Für die Mitglieder der Ersten Klasse werden im Laufe des Jahres 1924 innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion insgesamt 38 esoterische Stunden (Klassenstunden) von Rudolf Steiner gehalten, davon 26 in Dornach. Diese gliedern sich in einen abgeschlossenen, grundlegenden spirituellen Lehrgang von 19 Vorträgen in der Zeit vom 15. Februar bis 2. August 1924, einige an anderen Orten gehaltene Stunden sowie in sieben weitere Stunden vom 6. bis 20. September 1924, die inhaltlich einen ersten Teil der 19 Stunden in modifizierter Form aufgreifen. Darüber hinaus plant Rudolf Steiner den Aufbau einer Zweiten und Dritten Klasse, den er infolge seiner Krankheit und seines Todes nicht mehr verwirklichen kann.

Schon seit 1904 leitet Rudolf Steiner bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine esoterische Schule, die in Anknüpfung an esoterische Traditionen in drei Abteilungen bestand (vgl. GA 264-266/I-III). Die drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind als Weiterentwicklung und Metamorphose dieser Schule zu verstehen.

Die von Rudolf Steiner innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion gehaltenen esoterischen Stunden für die Erste Klasse enthalten Meditationssprüche mit entsprechenden Erläuterungen. Er hielt streng darauf, dass die esoterischen Inhalte dieser “Michael-Schule” innerhalb eines Menschenkreises bleiben, dessen Mitglieder bestimmte Voraussetzungen erfüllen: die Entscheidung, einen meditativen Entwicklungsweg zu gehen, das Zusammenwirken zu pflegen und sich in der täglichen Lebenspraxis für die anthroposophische Arbeit einzusetzen (“Repräsentanz”) (vgl. GA 260a, S. 112 ff.). Die Stunden wurden mit Rudolf Steiners Einverständnis mitstenographiert.

Auf Grundlage der Nachschriften beginnen nach Rudolf Steiners Tod zunächst die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum, später auch vom Vorstand beauftragte örtliche "Lektoren", diesen esoterischen Lehrgang an Mitglieder der Ersten Klasse zu vermitteln. Bis heute haben sich weltweit zahlreiche Lektorenkreise gebildet, die sich über Fragen der Arbeit innerhalb der Ersten Klasse der Hochschule verständigen und der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion neue Lektoren zur Bestätigung vorschlagen. Mit der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion sind heute die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum von der Hochschulleitung beauftragt.

Neben der Form, die Inhalte der Ersten Klasse im Wortlaut Rudolf Steiners zu vermitteln, entwickelten sich die so genannten frei gehaltenen Stunden, in der die Erläuterung und die Hinführung zu den Mantren in individueller Gestaltung der Lektorin oder des Lektors vollzogen wird. Außerdem wird heute auch Gesprächsarbeit in unterschiedlicher Art gepflegt. Grundlage und Voraussetzung für diese und weitere mögliche Formen gemeinsamer Arbeit ist der individuelle meditative Umgang mit den Mantren.

Nachdem die Inhalte der Klassenstunden im Lauf der Jahrzehnte nach dem Tod Rudolf Steiners nicht allein in dem Kreis bleiben, für den sie bestimmt waren, und zum Teil in zweifelhafter Form veröffentlicht werden, publiziert die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Vorstand am Goetheanum 1992 diese Texte innerhalb der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe. Obwohl heute jedem diese nicht zum individuellen Studium gedachten Texte zugänglich sind, arbeiten die Hochschulmitglieder entsprechend der grundlegenden Voraussetzungen zur Mitgliedschaft in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (vgl. GA 260a) an diesen Inhalten, indem das gesprochene und gehörte Wort im Mittelpunkt steht.