Jahresthema 2017/18

Licht und Wärme für die Menschenseele

Wie werden wir friedensfähig durch die Grundstein-Meditation – nach 100 Jahren Dreigliederungs-Impuls?

Liebe Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, liebe Mitarbeiter der anthroposophischen Bewegung, liebe Freunde!

In den letzten Jahren haben wir die Frage der Selbst- und Welterkenntnis in verschiedene Richtungen bis hin zur Aufgabe des Bösen für die Bewusstseinsseelen­entwicklung bearbeitet. Unser gegenwärtiges Zeitgeschehen – mit immer mehr Kriegsschauplätzen, Terroranschlägen, sozialen Spannungen und politischer Machtkonzentration Einzelner – berührt uns exis­tenziell. Der mit der Digitalisierung einhergehende Wirklichkeitsverlust und tech­nische Erfindungen, durch die bereits das Ende des Menschen prophezeit wird, stellen uns dringender denn je vor die Frage nach dem Wesen und der geistigen Bestimmung des Menschen. Was der Mensch von sich selbst denkt, bestimmt unsere Realität, ob er sich als Tier oder Maschine versteht.1
Die Erfahrung der Goetheanum-Welt-Konferenz, an der rund 800 Menschen aus der ganzen Welt in einen suchenden Zukunftsprozess eingetreten sind, war wesentlich durch die Grundsteinmeditation gestaltet. Die positive Re­sonanz auf diese Arbeit hat uns in dem Bestreben bestärkt, die Grundsteinmeditation im Sinne einer inneren Organ­bildung der Selbst- und Welterkenntnis während der kommenden Jahre mit wechselnden Akzenten in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen. Rudolf Steiner spricht dieses «erneuerte Apollowort» des «Erkenne dich selbst» erstmals am 25. Dezember 1923 aus und fasst in der Grundsteinmeditation ein über 30 Jahre gereiftes Forschungsergebnis über den dreigegliederten Menschen in mantrische Worte.

Leuchtendes Gedankenlicht
Schon lange wird die Grundsteinmeditation als Fundament des geistigen Lebens im Herzen vieler Mitglieder bewegt. Die erneute Zuwendung zu ihr möge dazu dienen, vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen Zeitlage die mit der Grundsteinlegung 1923 verbundenen Impulse als Grundlage für ein harmonisches Zusammenwirken und gemeinsames Wollen erneut aufzugreifen. Aus der meditativen Arbeit am Grundstein kann uns ein «Gedankenlicht entgegenstrahlen», was uns dazu befähigt, aus dem «Geist, der da waltet, im leuchtenden Gedankenlichte um den dodekaedrischen Liebesstein» unser Wirken neu zu befruchten.2 Dem Geist des Grundsteins wollen wir uns in den kommenden Jahren verstärkt zuwenden, womit wir ein konkretes Erüben der Erkenntnis des dreigegliederten Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist anregen wollen.
Wenn auch bis in die Gegenwart eine Fülle von Geistesgut in der Geschichte tradiert worden ist, so muss der Ursprungs­impuls heute von jedem Ich neu erlebt und gefunden werden. Dies setzt voraus, dass Selbsterkenntnis keine subjektive Angelegenheit bleibt, die sich vor allem auf ein Verstehen der eigenen Persönlichkeit beschränkt, sondern zu einem Anschauen des Allgemein-Menschlichen im Selbst und im anderen Menschen weiterentwickelt wird.

Die Wandlungskraft des Grundsteins
Das objektive Walten des Geisteslichtes des Grundsteins vermag das anthropo­sophische Leben zu verwandeln. Rudolf Steiner sah im Grundstein die Grundlage für eine Mitarbeit der Einzelnen, sodass ein gemeinsamer «Bau» entstehe.3 In den kommenden Jahren wollen wir die drei großen Übungen des «Geist-Erinnerns», «Geist-Besinnens» und «Geist-Erschauens» als Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit aufgreifen. Wir werden jährlich neue Schwerpunkte in der Bearbeitung des Themas setzen.
Ohne die Entwicklung der Bewusstseinsseele zu überspringen, ermöglicht die Arbeit am Grundstein, Elemente einer sozial wirkenden Geistselbstkultur anzu­regen, die in eine gesundende Richtung weisen. Die drei Übungen sind nicht als festgelegte geistige Techniken misszu­verstehen, sie regen vielmehr geistiges Leben in drei Sphären an und dienen einem Erarbeiten der individuellen und sozialen Dimensionen des Geist-Erinnerns, Geist-Besinnens und Geist-Erschauens, die je für sich ein ganzes Feld bedeuten. Im kommenden Jahr soll vor allem das Geist-Erinnern im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen. Das Schöpfen der Kraft aus dem Ursprung möge uns dafür ein Leitstern sein.

Dreifaches Üben
Mit der Anrufung «Menschenseele!» dürfen wir uns in einer dreifachen Weise in unserem tiefsten Wesen als Menschen angesprochen fühlen. Die drei Richtungen, in die wir uns kosmisch eingebettet er­leben lernen, bringen uns in eine Verbindung mit dem «Vatergeist der Höhen», dem «Christus-Wille im Umkreis» und mit des «Geistes Weltgedanken». Diese Verbundenheit kann durch die Übung der drei Aufforderungen allmählich entstehen.
Wer spricht uns so an? Wer ruft uns auf, ein Übender zu werden? Seelisch-geisti­ge Grundorientierungen werden uns im Üben erlebbar und führen allmählich zu einer unser irdisches und kosmisches Wesen umfassenden Erkenntnis hin. Diese wird uns mehr und mehr zu einer Grund­lage, auf der ein neues Erkennen, Fühlen, Erleben und Handeln in der Welt und mit dem anderen Menschen erwachsen kann.

«Übe Geist-Erinnern»
Bereits in der ersten Aufforderung «Übe Geist-Erinnern» ist ein ganzer Kosmos an Erkenntnisfragen, Seelenstimmungen und Übungsanregungen enthalten. Erinnern ist die zentrale Seelentätigkeit des Ich.4 Fragen wir nach unseren Erinnerungen, so eröffnet sich vor dem inneren Auge eine Landschaft, die sich durch das ganze Leben gebildet hat. Erinnern gibt uns Identität; wir fühlen uns als Individualität mit einer unverwechselbaren Biografie, die an einem bestimmten Lebenszeitpunkt auf der Erde begonnen hat und deren Zielpunkt uns noch verborgen ist.
In dem die Weihnachtstagung begleitenden Zyklus ‹Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung› regt Rudolf Steiner – die Erinnerungstätigkeit der Menschen in der Vorzeit betrachtend  – an, uns in ganz andere Seelenkonfigurationen hineinzuversetzen: In der nach­atlantischen Zeit erinnerten sich die Menschen allein durch Merkzeichen, die sie auf der Erde errichteten. In einer späteren Epoche wurde das Erinnern rhythmisch und mit dem Beginn der Philosophie in Griechenland entstand unser heutiges Zeitgedächtnis. Sind mög­licherweise auch heute noch über die Welt verteilt ganz unterschiedliche Formen des Erinnerns auffindbar, und können wir gerade daran die Andersartigkeit anderer Bewusstseins­formen entdecken und verstehen lernen? Durch die Anthroposophie werden wir aufgefordert, übend dem Erinnern eine geis­tige Richtung zu geben.5
Im Umkreis der Weihnachtstagung 1923/24 gibt Rudolf Steiner Übungen zur Erweiterung des Erinnerns. So enthält der Zyklus ‹Mysteriengestaltungen›6 eine Übung, in der Rudolf Steiner das medi­ta­tive Vertiefen eines Erlebnisses aus der Kindheit oder Jugend anregt. Diese Erin­nerungsübung kann ein Empfinden des Einsseins mit der Natur ermöglichen, das zu einem neuen Erleben des Sonnenaufgangs führt. Im Vertiefen dieser Übung kann man so im Leuchtenden des Sonnenaufgangs der ersten Hierarchie begegnen und kommt in eine ganz neue Beziehung zur Vater-Welt. Hier wird bereits eine vergeistigte Form des Erinnerns möglich.
Indem wir unseren Blick über die Grenze der Geburt hinaus weiten, wird das Er­innern vertieft. Wir können uns fragen, was die vorgeburtlichen Entschlüsse waren, die uns in diese Verkörperung hineinführten. Dabei geht es nicht um Spekula­tion oder um die Frage der eigenen karmischen Vergangenheit, sondern wir können dadurch für unterschiedliche Schicksalsherkünfte wach werden. Denn diese bestimmen unsere Arbeit, unsere Begegnungen und Beziehungen sowie unser Leben wesentlich und stellen uns vor Heraus­forderungen in der Zusammenarbeit und im Zusammenleben, gerade da, wo wir nicht sympathische oder bereits vertraute Menschen vorfinden. In der Anthropo­sophischen Gesellschaft stehen wir vor der Aufgabe, uns zu einem gemeinschaft­lichen Zusammenwirken bereitzufinden. Das richtig gepflegte Erinnern kann uns für eine neue Zusammenarbeit aufschließen, uns zu neuem «Sonnenkarma» über die Grenzen des Alten hinweg befähigen, wodurch wir der Aufgabe einer neuen Kultur der Menschlichkeit erst voll gerecht werden können.7

Rückschau und Geist-Erschauen
In der Rückschau werden wir aufgefordert, die Entwicklung des Willens und des Denkens gleichzeitig in die Hand zu nehmen. So kann man die vierte Strophe des Grundsteinspruchs im Sinne einer prak­tischen Orientierung als ein Geist-Erinnern empfinden, das bis zur «Zeitenwende» zurückreicht, zum Grundimpuls des Christus, der gleichsam zeitlos unseren Seelen Licht und Wärme schenkt, die die Finsternis nicht beherrschend werden lassen und uns zur Geistesschau befähigen. So gibt uns die Rückschauübung ein Übungsfeld des Willens, in dem wir es tatsächlich vom normalen Er-innern – als einem bloßen Wiederholen des Vergangenen – zu einem Uns-selbst-in-der-Zeit-Bewegen bringen können. Erinnern wird so ein Eingehen in den Bereich des zeitlosen Äthers.
In der Rückschau sollen uns nicht eigene Gedanken und Ansichten beschäftigen, sondern vor allem dasjenige, was aus der Außenwelt an uns herangetreten ist – und dies in umgekehrter Reihenfolge so, dass sich unser Wille vom Leiblichen losreißen kann. Man kann sich dann in die Umwelt hinein erweitert fühlen und erlebt, wie sie einen gebildet hat und was man durch sie geworden ist.
Eine solche Rückschau, die allmählich zu einem Geist-Erinnern werden kann, be­fähigt uns, dem anderen Menschen ima­ginativ zu begegnen. Die Willensanstrengung in der Rückschau fördert das Geist-Erschauen. Jetzt kann der andere in uns zum Bilde werden und sich im Geist-­Erschauen imaginativ aussprechen, weil wir auf der anderen Seite das Geist-­Erinnern gepflegt haben.8 Mehr noch, es ist in dieser Tätigkeit ein Grundzug des modernen Einweihungserlebnisses zu finden.

Wie Denken zum Schauen wird
Mehr allgemein hat Rudolf Steiner den Übergang vom Denken durch den Willen zum Schauen erläutert. Durch wirkliche Gedankenanstrengung, die Aneignung und Übung eines Gedankenorganismus, wie sie Rudolf Steiners ‹Philosophie der Freiheit› (GA 4) ermöglicht, befreit man sich im Denken. Als Gegenpol dazu geht es darum, sich selbst innerlich im Willen durchsichtig zu werden. So lange wir uns noch von undurchschauten Impulsen beherrschen lassen, uns über unseren Willen nicht aufklären wollen, bleiben wir denkend im Philosophischen stecken.
Wird man sich durch Übungen wie die Rückschau innerlich mehr und mehr selbst durchsichtig und lernt die geistige Welt durch den transparent gewordenen Willensmenschen schauen,9 so wird Denken zum Schauen. Das Geist-Erschauen, welches Impulse zum Handeln aus der geis­tigen Welt erhält, wird uns dann gerade durch den Umweg der Übung des Geist-Erinnerns ermöglicht. Wir sehen als gemeinsamen Schritt in der Arbeit am Grundstein eine aus dem Ganzen der Anthroposophie hervorgehende Besinnung auf ein Praktisch-Werden dieser Grundübungen in den nächsten Jahren.

Christiane Haid, Goetheanum-­Leitung, und Jaap Sijmons, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden

1 Rudolf Steiner: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der Unwahrhaftigkeit (GA 173b), Vortrag vom 13. November 1917.
2 Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 (GA 260), S. 65 und 69.
3 Siehe Fußnote 2, S. 280f.
4 Siehe Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13), Kapitel ‹Wesen der Menschheit›.
5 Rudolf Steiner: Anthroposophie. Eine Zusammenfassung nach 21 Jahren (GA 234), Vortrag vom 10. Februar 1924 (über die vierfache Metamorphose der Erinnerung).
6 Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen (GA 232), Vortrag vom 23. November 1923.
7 Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge (GA 240), Vortrag von 25. Januar 1924.
8 Rudolf Steiner: Die soziale Grundforderung unserer Zeit – in veränderter Zeitlage (GA 186), Vortrag von 7. Dezember 1918, S. 124–129.
9 Literaturangaben in: Rudolf Steiner: Rückschau. Übungen zur Willenstärkung, heraus­gegeben und eingeleitet von Martina Maria Sam, Rudolf-Steiner-Verlag 2010, V. Kapitel.

Literaturempfehlungen zur Auswahl
Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 (GA 260), Vortrag vom 25. Dezember 1923, 10 Uhr.
Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen (GA 232), Vortrag vom 23. November 1923.
Rudolf Steiner: Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung (GA 233), Vorträge vom 24. und 25. Dezember 1923.
Rudolf Steiner: Anthroposophie. Eine Zusammenfassung nach 21 Jahren (GA 234), Vortrag vom 10. Februar 1924.
Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge (GA 240), Vortrag vom 25. Januar 1924.
Rudolf Steiner: Vorstufen zu einem Mysterium von Golgatha (GA 152), Vortrag vom 7. März 1914.

Für eine ausdruckfreundliche Fassung können Sie hier das Jahresthema als PDF herunterladen.

Jahresthema zum Download