1902-1912 Anfänge und Grundlagen

Rudolf Steiner ist Redakteur des „Magazins für Litteratur“, hält Vorträge im Kreis der „Kommenden“ und im „Giordano-Bruno-Bund“; gibt Geschichtsunterricht an der von Bruno Wille und Wilhelm Bölsche gegründeten „Freien Hochschule“ und unterrichtet an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsschule.

1899/1900 Jahrhundertwende Berlin. Rudolf Steiner lebt als Schriftsteller, Vortragender und Redakteur in den verschiedensten kulturellen Zusammenhängen. Er sucht nach Möglichkeiten, Formen der Zusammenarbeit und Gesellschaftsgestaltung zu finden, die dem Geist des neuen Jahrhunderts entsprechen. Die sich zuspitzende „soziale Frage“ lässt sich nicht durch Konventionen lösen, sondern fordert einen geistigen Individualismus. Grundlagen dafür hat er in seiner 1894 erschienenen "Philosophie der Freiheit" ausgearbeitet.

1900/01 Anlässlich von Nietzsches Tod hält Rudolf Steiner in der Theosophischen Bibliothek einen Gedenkvortrag. Nach einem weiteren Vortrag über Goethe wird er eingeladen, im Winter 1900/01 einen Vortragszyklus über „Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung“ zu halten. Im Winter 1901/02 spricht er dort über „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“. Beide Reihen werden zu gleichnamigen Büchern verarbeitet.

1902 Die in Bildung befindliche deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft sucht für ihre Gründung einen Generalsekretär. Die Wahl fällt auf Rudolf Steiner. Er sagt unter der Bedingung zu, dass er auf Grundlage seiner eigenen Forschung arbeiten kann und dass Marie von Sivers (spätere Ehefrau R. Steiners) seine Mitarbeiterin wird. Rudolf Steiner findet in dem ca. 120 Mitglieder zählenden Zusammenhang Interessenten für seine inneren Anliegen: aus der Entwicklung des geistigen Eigenwesens des Menschen kulturell-sozialgestaltend zu wirken.

Mathilde Scholl (1868-1941)

1902-1912 Aufbau der Theosophischen Gesellschaft im deutschsprachigem Gebiet durch Rudolf Steiner und Marie von Sivers. Ausserdem beginnt eine rege Vortragstätigkeit in Europa mit einem weit gespannten Themenspektrum.

Dieser Schritt in die Theosophische Gesellschaft ist für viele Zeitgenossen eine Überraschung, da sie Steiner eher als Kritiker der Theosophischen Gesellschaft kannten. Für ihn stellt es sich so dar: „Diese zwei Dinge: erstens, dass es ein geistiges Reich gibt, zweitens, dass der Mensch mit dem innersten Ich seines Wesens mit diesem Reich zusammenhängt, sind ja die Fundamentalpunkte der ‚Philosophie der Freiheit’ [1894]. Es musste eben einmal die Frage entstehen: Kann man dasjenige, was wie eine Art von Botschaft von der geistigen Welt der neueren Menschheit verkündigt werden soll, in dieser Weise verkündigen? Gibt es die Möglichkeit anzuknüpfen an irgend etwas? Menschen waren da, die damals aus ihrem Streben heraus in die Theosophische Gesellschaft hinein wollten. Das waren schliesslich diejenigen, zu denen sich von diesen Dingen reden liess.“(Rudolf Steiner, in: GA 258, S. 36f).

Münchner Kongress 1907

1907 Unter der Federführung Rudolf Steiners findet ein internationaler theosophischer Kongress in München statt. Rudolf Steiner gestaltet den Kongress unter künstlerischen Gesichtspunkten. Elemente des später realisierten Goetheanumbaus klingen an.

Marie von Sivers (1867-1948)
„Marie von Sivers war die Persönlichkeit, die durch ihr ganzes Wesen die Möglichkeit brachte, dem, was durch uns entstand, jeden sektiererischen Charakter fernzuhalten und der Sache einen Charakter zu geben, der sie in das allgemeine Geistes- und Bildungsleben hineinstellt“ (Rudolf Steiner in GA 28, 31. Kap).

1908 gründet Marie von Sivers den Philosophisch-Theosophischen Verlag (ab 1913 Philosophisch-Anthroposophischer Verlag). In Buchform erscheinen grundlegende Werke zur Anthroposophie, u.a.:

1904 „Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“

1909 „Die Geheimwissenschaft im Umriss“

1911 „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“

Entfaltung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
1902: 118 Mitglieder, 9 Ortsgruppen
1906: 495 Mitglieder, 24 Ortsgruppen
1909: 1500 Mitglieder, 41 Ortsgruppen
1912: 2489 Mitglieder, 55 Ortsgruppen