Übungswege zu einer Herzkultur

Ausgehend von Rudolf Steiners Aufsatz ‹ImAnbruch des Michael-Zeitalters› in den ‹Anthroposophischen Leitsätzen› (GA 26) bezogen sich die Jahresthemen in den vergangenen Jahren unter verschiedenen Gesichtspunkten auf das Thema des Herzdenkens. Im vergangenen Jahr standen die beiden Meditationen aus dem ersten Mysteriendrama im Zentrum. Auch in diesem Jahr soll die Grundthematik der Vereinigung von Licht und Wärme weitergehen, diesmal in Hinblick auf den übenden Menschen, der den anthroposophischen Erkenntnisweg beschreitet.

 

Die Übungshinweise Rudolf Steiners nehmen meist ihren Ausgangspunkt in einer Sinnesbeobachtung oder einem Gedankeninhalt, denen sich der übende Mensch möglichst aufmerksam und konzentriert hingibt. Daran schließt sich die Aufgabe, das, womit man sich so verbunden hat, mit einementsprechenden Gefühl zu begleiten, das Erkannte zum Erlebnis umzuwandeln – und das in einem täglichen Rhythmus. Wie kann das gelingen? Wie kann ich willkürlich die Bedingungen herstellen, dass sich das entsprechende Gefühl einstellt? Wer es versucht, merkt bald, dass die angestrebten Gefühle oft nicht so selbstverständlich zur Verfügung stehen und insbesondere in der Wiederholung sich nur schwer einstellen wollen. Es bedarf eines starken Einsatzes, verbunden mit Fantasie, um am Bekannten etwas Neues zu entdecken, das im Gefühlsleben nachklingen kann. Wir werden gewahr, wie wenig wir die bunte Welt unserer  Gefühle bewusst handzuhaben wissen und wie schwer es ist, von dem sich spontan einstellenden Gefühl, insbesondere einer dezidierten Antipathie, zu einem willentlich erworbenen zu gelangen, wie schwer es also ist, den Weg vom Kopf zum Herzen zu finden. Das wirkt sich unmittelbar im gemeinsamen Miteinander aus: Mit den Köpfen stoßen wir bekanntlich aneinander an,wir ‹umkopfen› uns nicht, sondern wir umarmen uns herzlich. Die Herzen sind es also, die einander finden müssen,  damit auch gedankliche Auseinandersetzungen ohne persönliche Antipathiemöglich sind.

Das soziale Verständnis ergibt sich, wenn ich mein Zentrum, das ich zunächst im Kopf habe, in den Bereich des Herzens verlege und lerne,mit dem Herzen zu verstehen und meine Wahrnehmungsfähigkeit und Aufmerksamkeit in die Welt, die mich umgibt, empathisch zu legen. Das führt beim Esoteriker bis in die Bildung eines neuen Zentrums vom Kopf über den Kehlkopf zumHerzen,wie es Rudolf Steiner in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höherenWelten?› (GA 10) beschreibt.

 

Ideen zu Idealenmachen

Im 9. Vortrag aus dem Zyklus ‹Makrokosmos und Mikrokosmos› (GA 119) charakterisiert er das Herzdenken folgendermaßen: «Ein ganz anderes Gefühl hat man gegenüber jenem Denken, das dann eintritt, wennman ein wenig weitergekommen ist auf dem Weg, den wir charakterisiert haben. Man hat wirklich das Gefühl, als wenn man dasjenige, was man sonst  lokalisiert im Kopf, ferner hin lokalisieren würde im Herzen. Es ist allerdings nicht das physische Herz, welches denkt, sondern jenes Organ, von dem wir angedeutet haben, dass es sich als geistiges Organ in der Nähe des Herzens ausbildet, die sogenannte 12- blättrige Lotosblume.» Dieses Zielhat aber auchganz praktische konkrete Vorstufen, so in dem  Grundsatz: «Jede Idee,die dir nicht zumIdealwird,ertötet in deiner Seele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte » (GA 10).Wieviel Ideen können wir so mit uns verbinden, dass wir sie zu Idealen machen können? So müssen wir uns immer wieder fragen und stellen dabei meistens fest, dass wir mehr Ideen aufnehmen, als wir zu Idealen umwandeln können. All das,was hier beschrieben wurde, können wir uns in einer elementaren Form durch den Organismus der sechs Nebenübungenerüben. Nichtumsonst sagt Rudolf Steiner in der großen Gesellschaftskrise 1923: «Diese sechs Tugenden braucht schon in ihrer Gänze die Anthroposophische Gesellschaft selbst, und es muss angestrebt werden, dass die Anthroposophische Gesellschaft als solche diese Tugenden hat» (‹Anthroposophische Gemeinschaftsbildung›,GA 257,Vortrag vom23. Januar 1923).

Empfindungenwerden Organe

Erfreulicherweise sind in den letzten Jahren einige anregende Arbeiten hierzu entstanden, und imletzten Jahr ist eine von Ates Baydur zusammengestellte Sammlung von Rudolf  Steiners Ausführungen zu diesen Nebenübungen erschienen (siehe ‹Empfohlene Literatur›). Sie zeigen die fundamentale Bedeutung und erstaunliche Reichweite dieser Übungen für  den Geistesschüler und für das praktische Leben. So sind Rudolf Steiners Ausführungen in den esoterischen Stunden eine Fundgrube, so zum Beispiel ‹Der Zusammenhang mit den Wesensgliedern› (GA 266/3, 2. Januar 1914 und 7. Februar 1914). Die ‹Kontrolle der Gefühle› bildet hier dieMitte,und die schöne Arbeit von Rudy Vandercruysse, sein Buch  Herzwege›, zeigt, wie sich in dieser Übung alle anderen spiegeln. Der Beginn dieser dritten Nebenübung muss ja zunächst damit gemacht werden, dass der Übende auf seine Gefühlslandschaftmit ihren vagabundierendenWellen undWogen und ihren stereotypen Seelengewohnheiten erst einmal achtet, sie kennenlernt und dann dazu übergeht, ihren Ausdruck beherrschen zu lernen. Beides setzt die ersten Nebenübungen – Konzentration und Entschlusskraft – voraus. Dieweiteren Schritte sind die Erlangung einer inneren Ruhe,  die Gelassenheit, das Seelengleichgewicht. Aus diesem Zentrum heraus kann es dann gelingen, die eigenen Gefühle und Empfindungen so umzuwandeln, dass sie zu empfänglichen Organen werden für das, was uns aus derWelt entgegenkommt. In dieser Art erworbene Gefühle sind allein Ich-durchdrungen. In der Praxis spielen sie in der Kunst eine entscheidende Rolle, aber auch im sozialen Leben. Jedes sachgemäße Kunsturteil hängt davon ab, wie stark das Sensorium für die spezifischen Ausdruckswerte ausgebildet ist, wie weit sich das Gefühl zum Erkenntnisorgan entwickelt hat.Meist beruht das heutige Kunsturteil auf dem egozentrischen oder gruppenhaften Gefühl. Wie weit entwickelt die Fähigkeit eines Menschen ist, die eigenen Gefühle zu beherrschen und situationsgerecht zu handhaben und darüberhinaus die Gefühlslage der anderen zu erfassen, das entscheidet über seine Sozialkompetenz.

Austausch über Erfahrungen

Esgibt Zweige,diedieNebenübungenals einen intergrierenden Bestandteil in ihre Arbeit aufgenommen haben. Andere tauschen sich von Zeit zu Zeit über ihre diesbezüglichen individuellen Erfahrungen aus. Auch spezielle Arbeitsgruppen treffen sich immer wieder zum gegenseitigen Austausch. In diesem Sinn möchten wir die Mitglieder anregen, sich der Thematik der Gefühlskultur auf dem Hintergrund der Nebenübungen im kommenden Jahr möglichst praxisbezogen zu wenden. Den Zusammenhang mit dem gesamten anthroposophischen Übungsweg können der 8. und 9. Vortrag aus dem Zyklus ‹Makrokosmos und Mikrokosmos› (GA 119) vermitteln, der ebenfalls zum Studium empfohlen wird.

 

Für das Hochschulkollegium:Heinz Zimmermann

 

 

Empfohlene Literatur:

Rudolf Steiner: Makrokosmos undMikrokosmos (GA 119), besonders die Vorträge vom 28. und 29.März 1910.

Rudolf Steiner: Die Nebenübungen, herausgegeben von Ates Baydur,Dornach 2007. Rudy Vandercruysse: Herzwege. Von der emotionalen Selbstführung zummeditativen Leben, Stuttgart 2006.

Rudy Vandercruysse: Herzwege. Von der emotionalenSelbstführung zummeditativen Leben, Stuttgart 2006.Stairway of Surprise, Antroposophic Press 2002.Hinweise zu den 6 Nebenübungendes anthroposophischen Schulungsweges, Hamburg 2004.Rudolf Steiner:Das Ätherherz und die 6 Nebenübungen,mit Beiträgen von Athys Florides und Maurice Le Guerrannic, Basel 22005.

Michael Lipson: Stairway of Surprise, Antroposophic Press 2002.

Hans Jörgen Pingel: Hinweise zu den 6 Nebenübungen des anthroposophischen Schulungsweges, Hamburg 2004

Rudolf Steiner:Das Ätherherz und die 6 Nebenübungen, mit Beiträgen von Athys Florides und Maurice Le Guerrannic, Basel 22005. Makrokosmos undMikrokosmos(GA 119), besonders die Vorträge vom 28. und29.März 1910.Die Nebenübungen, herausgegebenvon Ates Baydur,Dornach 2007.